Regentage auf Balkonien

written by primaluna.161

Du kleiner Vogel, der du da so sitzt –
Und zwitscherst hier, auf meinem Dach’ so lieb
Wohin der Wind dich wohl bereits schon trieb
Welch Wissen übers Sein du wohl besitzt? –
Machst fragen mich, was all die vielen G’schichten,
Die emsig vorträgst mir, in deinem G’sang
Und lieblich gar nun sind in ihrem Klang,
Mir wohl versuchen mögen zu berichten.
Erzählst von tiefen Tälern, hohen Bergen
In denen heut’ noch stehen, gut verborgen,
Die schönen Häuser, dort gebor’ner Zwergen?
Von Plätzen, wo die Sonne wach mich küsst
An einem jeden, ach so schönen Morgen,
Wo einzig allein man mich will umsorgen,
Anstatt zu sagen, was ich heut’ so tuen müsst?
Von diesem oder jenem fernen Orte,
Für deren Nam’n, dem uns’ren Menscheng’schlecht
Noch lange fehlen werden sämtlich’ Worte?
Von Wundern, sähest Du! sie denn in echt,
Belasten deinen Geist mit grossen Bürden,
Die Tollheit, deinem Kopfe bringen, würden?
Vielleicht, wer ist schon in der noblen Lage,
Auf solcherart von komisch’, lustig’ Frage,
Nun einfach so ganz ohne jede Klage,
‘Ne Antwort vor zu bring’ ans Licht vom Tage,
Obs Vogeltier, das sitzt gleich hier bei mir,
Ganz einfach so und ohne jeglich Zier
Die Gedichte von Goethe deklamier.
Wer jedoch all die diese Pracht bezeugt
Schon hat, der ist im Klaren über die And’re,
Die Nicht so schöne Seit’ des Menschensantlitz.
Vielleicht, Oh Schreck, so könnts denn sein, dass jenem Vogels schöner Gsang,
Der meiner Seel’ herzallerliebst geworden ist in seinem Klang
Entspuppen sich am End’ gar tut
Als Rüge, richtend sich an meine Sippe.
Geseh’n das Vöglein nun wohl leider hat
Das g’samte Ausmass an Bosheit, Geiz
An Niedertracht und Hinterlist, das ganze,
So weite Feld an Schrecklichkeit, die Menschen,
Zu spielen, gut verstehen, wenn’s ih’n wohl
Bekommt. Im Niemandsland – wo nichts mehr ist,
Wo nichts je wieder wächst, dem Ort, der einst
Vom Mensch bewohnt – womöglich bist du schon
Gewesen. Hast wohl oft erblickt die vielen,
So wüsten Kriege, welche immerwährend
nun bereits finden statt, seit Anbeginn
Des Menschenaffens erster Blütezeit.
Bei all dem vielen Leid und all dem Tod,
Verdürrtem Weg, ganz rot getränkt vom Blut,
Ganz schwarz es wird aufs Mal vor meinen Augen.
Ach kleiner Vogel, letztlich ists wohl gut,
Dass du aufbring’ nicht kannst genügend Mut
Obwohl es dich doch innerlich zerreisst,
Um mir zu sagen, Alles was du weisst,
Und damit weiter schüren würd’st die meine eigne grosse Wut,
Auf was der Mensch am Ende, für die Welt verheissen tut.